ÜBER ZEITung

Unbestritten: „Unsere“ Medien sind frei, unabhängig und sehr kritisch. Dabei gelingt es den Zeitungen von Blick bis NZZ immer wieder und ziemlich gleichgeschaltet, Propaganda für „unsere“ Wirtschaft, für „unsere“ Nation und gegen „unsere“ Feinde zu machen – so gut wie die „gelenkten Staatsmedien“ in den schlimmsten Diktaturen.

In unserer Kolumne „ÜBER ZEITung“ zeigen wir welche verrückten Wahrheiten und Unwahrheiten die Medien über “unsere” Verhältnisse verbreiten.

#6: „Je suis Paris“: Erbarmungslose Kriegsmacht vs. fanatische Terrorkrieger
#5: Terrorismus in der Stadt Bern: Die EU stellt unsere Polizei unter Terrorverdacht!
#4: Noch ein Argument gegen den Kapitalismus: „Kaufen für die Müllhalde ist gut für die Konjunktur“
#3: Wenn die Weltgemeinschaft humanitär wird: Zu viele Ebola-Opfer stören jetzt doch! – den Weltfrieden.
#2: Im Kampf gegen Ebola
#1: Ein scheiss Leben in Thun oder Gewaltexzesse in Nigeria: Was brauchen dann die Leute? „Positive Nachrichten“ vom Fussball!


#6: „Je suis Paris“

Erbarmungslose Kriegsmacht vs. fanatische Terrorkrieger

Dass in Paris mehr als 120 Menschen bei 5 IS-Terroranschlägen starben, ist schlimm. Dass das Franzosen waren, macht es nicht schlimmer. Für die Betroffenheit der westlichen Öffentlichkeit ist das aber gerade sehr entscheidend: Hier wurden nicht einfach Menschen getötet, sondern ein verbündetes Volk angegriffen. Menschen sterben anscheinend unterschiedlich wichtig. Weder gab es ein „Je suis Beirut“ für die Opfer des IS-Anschlags in Beirut, noch ein „Je suis Moskau“, als vor kurzem ein russisches Passagierflugzeug wahrscheinlich vom IS gesprengt wurde.
Auch die Konsequenzen aus dem Anschlag sind fraglich. Eigentlich müsste man wegrennen vor dem Terror und den Nationen, die ihn auf sich ziehen. Stattdessen heisst es nun: „Wir müssen zusammenstehen!“ Wofür?
Obama, Sommaruga u.a. sagen gleich: „Das war ein Angriff auf die ganze Menschheit.“ Und deswegen braucht es einen „erbarmungslosen Krieg“ (Hollande). Diese Rhetorik ist ungefähr genauso fundamentalistisch wie die vom IS. Während der IS die Weltherrschaft erlangen will, sprechen die Herrscher der Welt gleichfalls von ihrem heroischen, bedingungslosen, brutalen Willen, alles daran zu setzen, ihre Herrschaft auch weiterhin durchzusetzen. Die einen morden im Namen Allahs, die anderen im Namen der kompletten Erdbevölkerung – auch wenn man selber am liebsten gar keine Weltherrschaft für niemanden will.
Seit Monaten führen die Franzosen mit ihren Partnern einen „asymetrischen“ Krieg im Irak und Syrien. Jetzt gelang es dem IS auch mal wieder, seinen Kriegsgegner im „Herzen seiner Zivilisation“ zu treffen. Aber warum ruft Hollande erst jetzt den „Krieg“ aus?
Die französische „Kriegserklärung“ ist keine selbstverständliche „Reaktion“ auf einen Terroranschlag. Nach den Terroranschlägen der al-Qaida in Madrid (2004) z.B. erklärte die spanische Regierung keinen „Krieg“ sondern zog ihre Truppen aus dem Irak ab. Die Grand Nation dagegen beschliesst, den Anschlag als Angriff auf ihre Macht und Herrlichkeit zu nehmen. Sie sieht sich als Staatsgewalt herausgefordert, die nicht bloss den „inneren Frieden“ wahren kann, sondern unbeschädigt und absolut überlegen jeden Anti-Terror-Krieg auf der Welt führen kann. Das Französische Aussenministerium sagt das so: „Bei der Krise in Syrien haben wir uns von einem diplomatischen Ziel auf ein Problem der nationalen Sicherheit bewegt.“ Dass Frankreich seine „diplomatischen Ziele“ irgendwo auf der Welt mit Krieg verfolgt, ist der Nation anscheinend selbstverständlich. Sie ist dabei so überlegen, dass sie ihren Gegnern gar nicht mehr einen Krieg erklärt, sondern normalerweise „Friedensmissionen“ ausführt oder „Krisen löst“ wie ein Welt-Polizist, der sowieso schon Gewalt und Recht auf seiner Seite hat. Wird Frankreich dabei auch mal angegriffen, dann ist das nicht bloss ein Gegenangriff des Gegners sondern ein Verstoss gegen das aussenpolitische Selbstverständnis dieser Nation. Dementsprechend wird auch nicht einfach zurückgeschlagen, sondern die „nationale Sicherheit“ wird 4000 km hinter den eigenen Grenzen mit einem neuen „Krieg“ verteidigt. Der Welt-Polizist sieht Syrien quasi wie französisches Hoheitsgebiet an. Dort wird die nationale Sicherheit verteidigt; und nicht erst in Frankreich. So anspruchsvoll ist diese Nation.
Für diesen Beweis rüstet die Nation auf, macht mobil und kalkuliert alle Franzosen als Kriegsmaterial und mögliche Opfer mit ein. Und das ist alles andere als die Vermeidung von Terroranschlägen und Menschenopfern. Als Bürger dieser Nation müsste man sich vor dem eigenen Staat mindestens genauso fürchten wie vor den Fundamentalisten. Stattdessen scheint es für die meisten Franzosen selbstverständlich zu sein, sich hinter die „erbarmungslose“ Kriegsbereitschaft ihrer Nation zu stellen: „Je suis Paris“.
Und einen ersten Erfolg kann Frankreich verzeichnen: Die meisten Staaten der Welt geben der Grand Nation recht. Sie tauchen ihre Machtzentren in die Farben der Trikolore, erklären den Anschlag zum „Angriff auf die Menschheit“ und zeigen sich damit einverstanden, dass Frankreich auch ein „Recht“ hat, eine überlegene Kriegsnation zu sein. Das ist nämlich auch nicht so selbstverständlich: Als damals tschetschenische Islamisten ein Moskauer Theater terrorisierten, galt das im Westen als „innere Angelegenheiten“ Russlands. Man wollte den Russen nicht zugestehen, dass ihr Tschetschenien-Krieg auch ein berechtigter Beitrag zum westlichen „Krieg gegen den Terror“ ist. So viel Anerkennung wollte man der russischen Kriegsmacht einfach nicht geben. Bei Frankreich geht das klar.
Dass sich das Land nun als globale Kriegsmacht behauptet, und zwar nicht nur gegen IS- Terroristen sondern gleich gegenüber der ganzen Welt; das nehmen auch die Partnerländer zur Kenntnis. Nachdem man seine Solidarität bekundet hat, treten sofort wieder die Fragen auf, WER sich hier mit WEM als erfolgreiche Kriegsgewalt beweist; WER führt den neuen Anti-Terror-Krieg an; und WER lässt sich dafür ausnutzen. Diese „Wertegemeinschaft“ der Nationen besteht nämlich alle mal noch aus Konkurrenten um die Weltgewaltordnung – gemeinsame Werte hin oder her.
Und schon ist die Geschlossenheit im „Krieg für die Menschheit“ wieder umstritten. Die USA gehen davon aus, dass sie als Weltführungsmacht sowieso immer schon Kriege im Namen der Menschheit führen; also diesen Krieg jetzt auch „anführen“. Da werden die Europäer schnell vorsichtig. Denn bevor jetzt der „Nato-Bündnisfall“ ausgerufen wird, ruft die deutsche Kriegsministerin zur „Besonnenheit“ auf. So weit geht die Solidarität in diesem Menschheitskampf nicht, dass man sich schon wieder für einen amerikanisch dominierten Nato-Krieg einspannen lässt. Die Franzosen berufen sich dagegen auf die „europäische Beistandspflicht“, um sich von den USA abzusetzen. Sie schmieden sogar eine Koalition mit den Russen, was den Amerikanern kaum gefällt – ausser sie wirken „konstruktiv“ in einem “US-geführten Bündnis“ mit (US-Verteidigungsminister Carter). Die Deutschen geben sich wiederum sehr zurückhaltend, weil sie keinen französisch dominierten EU-Krieg wollen … usw. usf.
Insgesamt bleibt für den gesunden Menschenverstand nur Eins: “Freunde aus der ganzen Welt, danke für #PrayforParis, aber wir brauchen nicht noch mehr Religion!“ (Charlie Hebdo’s cartoonists) Wir brauchen auch nicht noch mehr Kriegstote – egal ob in Frankreich oder sonstwo. Und Nationen, die ihre Weltmacht auch noch im Namen der Menschheit herbomben, brauchen wir schon gar nicht. Also: „Zum Teufel mit dem Terror; zum Teufel mit dem Krieg gegen den Terror!“ (ein Paläsinenser, SRF-Tagesschau)


#5: Terrorismus in der Stadt Bern:

Die EU stellt unsere Polizei unter Terrorverdacht!

EU-Terrorismusdefinition:
– “Erstens muss eine systematische Androhung oder Anwendung von Gewalt vorliegen,”
– “zweitens müssen die Täter organisiert sein und planmässig zusammenarbeiten,
– “drittens müssen sie politische oder religiöse Ziele verfolgen.
(BZ, 24.02.2015)

Dreimal Volltreffer. Schon bald sollen Terrorzellen wie der Polizeiposten am Waisenhausplatz endgültig ausgehoben werden.


#4: Noch ein Argument gegen den Kapitalismus:

„Kaufen für die Müllhalde ist gut für die Konjunktur“ (Bund, 16.11.2014)

1. Da soll nochmal einer behaupten, dass das kapitalistische Wachstum dem Konsum und den Verbraucher*innen dient. Es ist genau umgekehrt: „Konsum ist eine wichtige Wachstumsstütze.“ D.h., auch wenn alle Konsumenten total ‘satt’ sind, und nichts mehr brauchen, dann gilt nicht einfach: Schön, dann wird halt weniger gearbeitet. Nein, gerade dann bekommt die Wirtschaft ein Problem! Im Kapitalismus muss unbedingt weiter und mehr produziert werden. Und wenn die Leute nicht freiwillig 3 Drucker auf einmal kaufen, dann muss man sie eben dazu zwingen, indem man die Produkte möglichst schnell kaputt gehen lässt: „Damit … ständig weiter konsumiert wird, muss alles immer schneller kaputtgehen oder trotz voller Funktionsfähigkeit ersetzt werden. Dabei helfe die Wirtschaft mit dem absichtlichen Verschleiss nach.“ (Bund, ebd.)
Also von wegen der Kapitalismus sei eine Art von Bedarfswirtschaft, die die Bedürfnisse der Leute bestmöglich befriedigt: Das Bedürfnis der Menschen ist bloss Mittel für das Geschäft. Der eigentliche Zweck dieser Wirtschaftsweise ist die Vermehrung von Geld. Und dieser Geldvermehrungs-Zweck scheint so masslos zu sein, dass die Beschränktheit des Konsums glatt eine ärgerliche Schranke dafür ist. Also nicht der unendliche Konsumdrang der Menschen erfordert ein unendliches Wachstum. In Wirklichkeit kommt die Verbraucher*innen ihrer Konsumpflicht kaum mehr nach, zu dem ihm das Geldwachstum der Wirtschaft quasi verpflichtet!

2. Es ist noch nicht einmal so, dass die Konjunktur in ihrem Verlangen nach unendlich viel Konsum wenigstens alle Grundbedürfnisse befriedigen würde. Die Wirtschaft und der Handel können über zu wenig Konsum jammern, während anderswo immer noch gehungert wird! Das Geldwachstum braucht nicht einfach unendlich viel Nachfrage, sondern unendlich viel Nachfrage, die bezahlen kann. Die Zahlungsfähigkeit der meisten Menschen wird wiederum durch die Wirtschaft gestiftet, in dem sie den Arbeitnehmenden Lohn zahlt. Nur sind die Unternehmen beim Lohn immer sehr geizig, weil er für sie ein Kostenfaktor ist, also gerade ein Abzug von ihrem Geldwachstum. Und welches Unternehmen finanziert schon gerne durch höhere Lohnkosten die Gewinne der anderen Betriebe… Insgesamt gibt es dann Überproduktion neben Unterversorgung, weil alle Unternehmen mit viel zu viel Waren um die beschränkte Zahlungsfähigkeit der Massen konkurrieren, die sie selber knapp halten.

3. Warum brauchen dann alle dieses Wachstum, obwohl es kaum einer konsumieren kann? Der „Konsumzwang“ geht angeblich so: „… jeder ist sich bewusst, wenn er weniger kauft, leiden darunter der Detailhandel und die Industrie. Und wenn die Wirtschaft leidet, droht Arbeitslosigkeit und am Schluss büsst die ganze Bevölkerung.“ (Bund, ebd.) Nicht, dass man mit einem Grosseinkauf seinen Arbeitsplatz sichern könnte, aber „am Schluss“ gilt immer: Ausgerechnet, wenn es zu viel gibt, weil es keiner mehr kauft, dann müssen die Leute befürchten, dass sie weniger bekommen, weil sie ihren Job verlieren. Deshalb gibt es spätestens in jeder Wirtschaftskrise Menge Menschen mit unbefriedigten Konsumbedürfnissen, die aber kein Geld haben; jede Menge Produktionsanlagen, die zwar Konsumgüter produzieren könnten, aber kein Geld einbringen; und jede Menge Arbeitslose, die zwar diese Produktionsanlagen bedienen könnten, mit deren Arbeit kein Geld verdient werden kann. Alles wäre da – Konsumbedürfnisse, Produktionsmittel und Arbeitkräfte – aber weil es auf das Geld-verdienen ankommt, steht in jeder Konjunkturphase mehr oder weniger einiges still. Also von wegen: Dem Geld gelingt es, Angebot und Nachfrage zu organisieren und die Güter zu verteilen. Spätestens in einer Krise zeigt sich genau das Gegenteil: Vieles wäre produzierbar, aber alles ist abhängig gemacht vom Geld und seinem Wachstum!

Die Rolle der Konsumenten*innen ist also recht anspruchsvoll. Einerseits sollen sie möglichst viel Geld ausgeben, um den Unternehmen ihre Gewinne zu finanzieren. Andererseits sollen sie als betrieblicher Kostenfaktor nicht zu viel Kosten. Die nächste Absatzkrise kommt also bestimmt, in der es wieder zu viele Waren gibt, die zwar einige Konsument*innen brauchen könnten, sich aber nicht leisten können, und dann auch noch ihren Job verlieren.
Also bevor man anfängt, möglichst viel zu konsumieren, um nicht entlassen zu werden, sollte man vielleicht diese absurde Abhängigkeit des eigenen Lebensunterhalts vom fremden Geldwachstum aufzukündigen!

P.S. Der „Bund“ fragte zu dem Thema vier „Experten“, „wie viel Wachstum ist gut für die Schweiz?“ Damit war bereits unterstellt, dass das kapitalistische Wachstum grundsätzlich nicht in Frage gestellt werden darf, weil es eigentlich gut für die Schweiz ist „– egal, ob man das Wachstum mag. Denn es wäre dumm, kategorisch auszuschliessen, dass die Wirtschaft eines Tages zu wachsen aufhören könnte.“ (M. Hänggi, 4. Experte) Und so kategorisch voreingenommen präsentierten die Experten dann auch ihre Ergebnisse: Es bräuchte „weniger“ Wachstum, ein „reguliertes“ Wachstum, ein „nicht quantitatives“ Wachstum, sondern ein „qualitatives“ Wachstum. Und so drückten sich alle um die Systemfrage herum, warum dieses Wachstum überhaupt den meisten Leuten nicht dient, sondern ihren Konsum und ihre Arbeitskraft immer nur ausnutzt; und auch nur so lange, wie die Leute nützliche Arbeit liefern und zahlungsfähig bleiben.


#3: Wenn die Weltgemeinschaft humanitär wird:

Zu viele Ebola-Opfer stören jetzt doch! – den Weltfrieden.

US-Präsident Obama geht ,mit gutem Beispiel voran’ und meint jetzt auf einmal: Die Ebola-Epidemie „… gerät außer Kontrolle. Es wird schlimmer. Sie breitet sich schneller und exponentiell aus. Heute sind Tausende Menschen in Westafrika infiziert. Diese Zahl kann rasch auf Zehntausende anwachsen. Wir müssen schnell handeln, wir dürfen nicht trödeln.“ (Obama nach Spiegel-Online, 17.09.)
ebola2 Schon seit ca. 3 Monaten wütet der Ebola-Erreger in mindestens 3 Staaten, die schon längst den Notstand ausgerufen haben, Infizierte werden an den Spitalen abgelehnt oder in Zwangslagern gehortet; 2000 Tote; mehr als 5000 Infizierte – und die Weltmacht sagt jetzt, man solle nicht trödeln?!
Dass die reichen Länder schon längst über die Mittel verfügen, die Ebola-Erkrankung zumindest stark einzudämmen, zeigen die westlichen Staaten, wenn sie ihre eigenen erkrankten Staatsbürger ausfliegen, um sie unter sterilen Bedingungen zu versorgen. Die meisten Infizierten der 1.Welt überleben dann schon allein mit ,reichlich Flüssigkeit und Elektrolyten’.
Eine ausreichende Versorgung mit einem Impfserum ist in Afrika sowieso nicht vorgesehen, weil die meissten Ebola-Kranken in Afrika einfach kein Geschäftsinteresse der Pharmaindustrie bedienen können (vgl. ÜberZeitung #2).
Bis jetzt waren also der Weltgemeinschaft die paar tausend Ebola-Opfer ziemlich scheissegal. Warum also jetzt die Eile, Herr Obama? „Wenn diese Länder zusammenbrechen, wenn ihre Wirtschaft kollabiert, Menschen in Panik geraten, dann ist das eine potenzielle Gefahr für die globale Sicherheit” (ebd.) Darauf hin hat nun auch „der Uno-Sicherheitsrat die Ebola-Epidemie in Westafrika als ,Bedrohung für den Weltfrieden und die internationale Sicherheit’ eingestuft.“ (Spiegel-Online, 18.09.)
Dass die todkranken Afrikaner unbedingt Hilfe brauchen ist also noch gar kein Grund, dass sie auch Hilfe bekommen. Da muss erst was ganz anderes unter der Ebola-Epidemie leiden: die ‘globale Sicherheit’ und das globale Geschäft.
Das Geschäft mit den verseuchten Leuten ist damit kaum gemeint. Denen kann man ja noch nicht einmal Desinfektionsmittel profitabel verkaufen. Diese Menschen sind für die globale Wirtschaft eh schon abgeschrieben. Ihre Güter und ihre Arbeitskraft sind seit je her auf dem globalen Markt so wenig gefragt, dass sie sich noch nicht mal eine ordentliche Gesundheitsversorgung leisten können. Wenn aber die Ebola-Opfer zu viele werden, und womöglich auch noch Panik bekommen, dann stören sie vielleicht etwas Wichtiges – nämlich die örtlichen Staatsmächte, die zumindest so stabil bleiben sollen, dass sie wenigstens ihr verseuchtes Volk unter Verschluss halten können. Denn wenn sich die Seuche über die Landesgrenzen weiter ausbreitet, dann sieht auch der UN-Sicherheitsrat wirklich wichtige Sicherheitsinteressen und sogar den Weltfrieden gestört.
Damit stellt die Weltgemeinschaft mal wieder klar, welche schäbige Rolle die Menschen für das globale Geschäft und die globale Ordnung spielen: Grosse Teile der Weltbevölkerung werden ihrem ‘Schicksal’ einfach überlassen, selbst wenn sich ihr übliches Elend um eine todbringende Epidemie ergänzt, weil sie für das globale Geschäft unprofitabel und für die internationale Sicherheit uninteressant sind. Nur stören sollen sie die globale Ordnung nicht, ansonsten werden sie zu einem Sicherheitsproblem erklärt. So friedlich ist mal wieder der Weltfrieden.
Entsprechend ihrer geringen Brauchbarkeit, fällt die Hilfe für diese Menschen auch weiterhin sehr bescheiden aus. Recht sparsam kalkuliert die UNO „… eine Milliarde US-Dollar. Diese Summe sei nötig, um die Zahl der Infizierten auf einige Zehntausend Menschen zu begrenzen sagte David Nabarro, Ebola-Beauftragter der Uno“ Und die Weltgemeinschaft bleibt entsprechend geizig: „Von den Kosten, die zur Bekämpfung der Epidemie benötigt werden, sei bisher ein knappes Drittel gedeckt … .“
Auch die Schweiz sorgt sich vor allem darum, dass der Virus und seine Träger schön im afrikanischen Elend bleiben. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) beruhigt: „Es handelt sich bis jetzt nach wie vor nicht um ein Problem ausserhalb der betroffenen Region. Zudem gibt es keine direkten Flugverbindungen in die Schweiz. … Ansonsten stehen entsprechende Isolierstationen zur Verfügung“ (20 Minuten, 18.09.) – natürlich nur für die Schweiz. Die Schweizer Geschäfts- und Sicherheitsinteressen können also momentan noch ungestört weitergehen.


#2: „Im Kampf gegen Ebola“

Menschenleben müssen „lukrativ“ sein, sonst wird einfach gestorben.

Fassungslos stellt die Süddeutsche Zeitung fest: „Ebola ist keineswegs ein unbekannter Keim, der gerade eben aus dem Urwald gesprungen ist. Virologen kennen ihn seit 40 Jahren. Es gibt Mittel dagegen – doch die sind aus Kostengründen nicht ausreichend erforscht und zugelassen.“ (Süddeutsche.de, 09.08.2014). Es braucht schon über 1000 Tote und eine drohende internationale Epidemie, damit die SZ feststellt: „So kalt nach Gewinn wird kalkuliert, wenn die Entwicklung eines Produkts fast völlig den Gesetzen der Marktwirtschaft überlassen ist.“ (ebd.)
Normalerweise ist auch die SZ von den ehernen Gesetzen der Marktwirtschaft überzeugt. Doch die Ebola-Krise geht eindeutig über die normalen Zustände von Arm und Reich im Kapitalismus hinaus. Diesmal erschreckt selbst der SZ-Redakteur und hat Skrupel, die sonst so selbstverständlichen Marktgesetze konsequent wirken zu lassen.
Aber was ist dran an diesWorkers from St Mary's Lacor hospital on their waen Gesetzen, die die Marktwirtschaft sonst so schön ‘lenken’, vor denen jetzt aber so gewarnt wird? Immerhin funktinieren sie in der Ebola-Krise genauso wie sonst und überall: ‘Angebot und Nachfrage’ funktionieren auch in Sierra Leone bestens; wie immer mit der kleinen aber bedeutenden Einschränkung: Nur eine ausreichend zahlungsfähige Nachfrage bestimmt das Warenangebot im Kapitalismus. Und da sich die Zahlungsfähigkeit der üblichen Kundschaft für Ebola-Medikamente seit 40 Jahren nicht besonders positiv entwickelt hat, können diese Menschen noch so viel ‘Nachfrage entwickeln’, sie bekommen trotzdem keine Medikamente sondern nur den Tod.
Damit beweisen die Marktgesetze mal wieder ihre ausserordentliche ‘Effizienz’: Alles was sich nicht zum Geldverdienen lohnt, wird einfach nicht produziert. Umgekehrt wird alles produziert, wofür Geld vorhanden ist. So gibt es für die Einen genügend teure Schönheitsoperationen, und für die Anderen noch nicht einmal lebensrettende Medizin.
Da ist es auch kein Wunder, dass die Pendlerzeitung 20Minuten genauso fassungslos ein ganz anderes Problem an Ebola feststellt: „Ebola wird zum Wirtschaftsproblem“ (20min.ch, 11.08.2014). Wenn internationale Konzerne wie Caterpillar Mitarbeitende aus Afrika ausfliegen lässt, Canadian Overseas Petroleum ein geplantes Projekt zur Ausbeutung von Rohstoffen aussetzt oder Fluglinien Destinationen in Afrika streichen (Beispiele: 20min.ch), spätestens dann bringt dass den nigerianischen Handelsminister auf den Plan: „Wir müssen sicherstellen, dass das Virus so schnell wie möglich unter Kontrolle gebracht wird“ (ebd.). Die Wirtschaft, die für die ortsansässige Bevölkerung sonst vor allem Landraub, Umweltzerstörung und Ausbeutung bedeutet, wird zum viel wichtigeren Sorgeobjekt erklärt. Und das ist eine etwas andere Problemstellung: Nicht, dass die Leute ein Problem mit der Wirtschaft hätten, weil sie von ihr keine Medikamente bekommen; sondern umgekehrt sind die todkranken Leute viel mehr ein lästiges Problem für das Wirtschaftswachstum!
Es wäre also mal angebracht, den Gesetzen der Marktwirtschaft näher auf den Grund zu gehen, wenn ihre Anwendung zwar gut sein soll, ihre „reine“ Anwendung aber nicht, weil sie Menschen einfach sterben lassen; und wenn die Wirtschaft da bei sowieso wichtiger ist, als die Leute.


#1: Ein scheiss Leben in Thun oder Gewaltexzesse in Nigeria:

Was brauchen dann die Leute? „Positive Nachrichten“ vom Fussball!

Thun:

„Um Hupkonzerte während der WM zu verhindern, erlässt Thun ein nächtliches Fahrverbot … Ein Leser meint frustriert: ‘Und hiermit nimmt man den Thunern, die es eh schon schwer haben, noch das letzte Stück Lebensfreude’“ (20min, 19.06.2014)
Wenn man schon meint, dass man ein schweres Leben in Thun fristen muss, dann sollte man sich mal schleunigst darum kümmern, woran das liegt. Vom Himmel gefallen ist diese Lebenslage jedenfalls nicht. Immerhin gibt es sehr schöne Lebensläufe in der Schweiz, die einem zeigen, was in einer reichen Gesellschaft alles möglich ist… Hat man für seine eigene „Lebensfreude“ z. B. zu wenig Geld, dann brauch man vielleicht mehr Lohn, aber bestimmt nicht den sportlichen Erfolg der Schweizer Nationalmannschaft.
Doch dieser Fussballfan nimmt seine Lebensumstände für so unveränderlich hin, dass er sein „letztes Stück Lebensfreude“ gar nicht mehr im wirklichen Leben suchen will, sondern ausgerechnet beim nationalen Ballsport findet. Dabei ist er leider kein Einzelfall. Auch für diese WM gilt wieder: „Fußball ist das Opium unseres Volkes“ (Pelé).

Nigeria:

„Boko Haram, die islamistische Terrorgruppe, ist zum realen Schreckgespenst Nigerias geworden. Fast täglich verbreiten sich neue Schreckensmeldungen über Anschläge und Entführungen aus dem Norden des Landes. Positive Nachrichten werden da zu Hause in Nigeria noch so gerne genommen – und für diese sorgten in den letzten Tagen die Super Eagles. Nach zwei Spielen … (hat) das Team … gute Chancen, wieder einmal die Achtelfinals zu erreichen.“ (25.06.2014)
Auch in Nigeria scheint das zu funktionieren: Die eigene Lebenssituation kann noch so beschissen sein, man muss sich einfach über den nationalen Fussball freuen können. Selbst wenn im eigenen Land Tod und Elend herrscht, hilft es, sich ein viel schöneres Nigeria vorzustellen und zu feiern. Dafür reicht anscheinend schon der Erfolg von 11 Nigerianern auf einem brasilianischen Fussball-Rasen weit ab der schrecklichen Heimat.
Das halten viele national denkende Menschen wie dieser Sportreporter für total normal. Diesen Spass gönnt man den Nigerianern gerne. Der ist ja auch billig zu haben. Ein bisschen Realitätsverlust und ein ungebrochener Patriotismus reichen anscheinend, dass ein Volk seine wirklichen Sorgen nicht mehr ganz ernst nehmen will.
Was anderes ist es, wenn mal wieder ein paar Nigerianer ihre Sorgen so ernst nehmen, dass sie an „unsere“ Grenzen klopfen. Dann gibt es für sie leider keine „positive Nachricht“ mehr. Dann hört der Spass für sie schon wieder auf: Diese „Lebensfreude“, sich durch ein Schweizer Asyl dem Elend in der Heimat entziehen zu können, gönnt man ihnen schon nicht mehr.