Ecopop und Ökologie

Warum die „Ökologie“ immer nie auf einen grünen Zweig kommt,
während die „Natur“ als kapitalistisches Geschäftsmittel weiterhin vor die Hunde geht.

 

Einleitung: Was will Ecopop?

I. Der Grundfehler der Öko-Bewegungen: „Mensch“ vs. „Natur“

II. Die „Umwelt“ im Kapitalismus: Geschäft vs. natürliche Lebensbedingungen

III. Von der Ökologie total vernachlässigt: Der ‘Raubbau’ an der Lohnarbeiter-Natur

IV. Die falsche Armutsanalyse von Ecopop: Mit Kondomen zu Wohlstand

Was will Ecopop?

Die Logik von Ecopop ist so dumm wie gemein: Würde man die Menschen der dritten Welt mehr verhüten lassen, dann liesse sich damit viel persönliches Elend vermeiden, und langfristig tun wir der Erde und uns allen einen grossen Gefallen.“* Denn: Die rasant wachsende Weltbevölkerung mit ihren steigenden Ansprüchen verdrängt und zerstört vorzu und unaufhaltsam ihre natürlichen Lebensgrundlagen. “ Egal ob „der Mensch“ gerade in der 3. Welt hungert, in der 1. Welt arbeitslos ist, ein Unternehmen oder ein Wirtschaftsdepartement leitet – für Ecopop hat einfach die gesamte Weltbevölkerung bis jetzt ganz gut, vielleicht zu gut, aber auf jeden Fall zu wenig bescheiden auf Kosten der Erde gelebt. Dabei wissen auch die Initiant*innen, dass ein grosser Teil der Weltbevölkerung gar nicht in der Lage ist, die Lebensmittel dieser Erde zu verbrauchen, weil er offensichtlich schon von den einfachsten Dingen ausgeschlossen ist. Vieler Orts „ … mangelt es an Wasser, Brennholz, fruchtbarem Boden – also an den fundamentalsten Lebensgrundlagen. Dieser Mangel verstärkt sich mit steigender Bevölkerung dramatisch.“ „Prozentual hat die Zahl der Hungernden zwar abgenommen, in absoluten Zahlen hungert fast eine Milliarde. Dies nicht nur, aber auch wegen dem hohen Bevölkerungswachstum.“ Zumindest dieser Teil der Menschheit, der anscheinend bis jetzt sehr wenig von den Ressourcen dieser Erde hatte, benötigt alles andere als einen freien Zugang zu Kondomen!

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Mit Kondomen die Welt retten!

Bei ihrer Ursachenanalyse mag die Ecopop-Initiative überhaupt nicht unterscheiden, wer hier eigentlich auf wessen Kosten wirtschaftet. Bei ihrem Lösungsansatz macht die Initiative aber sehr wohl Unterschiede zwischen den Menschen. Schliesslich sollen nicht die Schweizer*innen oder der reiche Westen mehr Verhütungsmittel benutzen bzw. weniger viel fressende Kinder zeugen, sondern diese Aufgabe bleibt allein den Hungernden in der dritten Welt, obwohl die armen Menschen eingestandenermassen „auf einem sehr niedrigen ökologischen Fussabdruck leben“. Eine Ein-Kind-Politik für Schweizer*innen ist dann doch nicht vorgesehen. Dafür sind die Ecopop-Initiant*innen zu sehr Freunde des Schweizer Nationalvolks.

Ecopop erklärt einfach „den Menschen“ zu Ursache von Umweltzerstörung und Hungerkatastrophen. Dabei bleibt die Wirtschaftsweise, also immerhin die Frage, wie nach welchen Massstäben die Mutter Erde überhaupt ge- und verbraucht wird, ausserhalb der ökologischen Kritik. Den Initiant*innen ist es selbstverständlich, dass trotz ihrem Weltuntergangsszenario der Kapitalismus so bleiben muss, wie sie ihn nun mal vorfinden. In Abgrenzung zu jeder ökonomischen Kritik an der globalen Umweltzerstörung beteuern diese braven Weltverbesserer: „Auf die wirtschaftlichen Interessen kann sehr wohl flexibel eingegangen werden“. Dies gilt für den Arbeitskräfteimport, für die Schweizer Exporterfolge, den Rohstoffhandel, die Schweizer Aussenwirtschaftspolitik, Wachstumskennziffern … das alles steht bei der ‘Rettung der Welt’ ausser Frage. Die Interessen von Glancor, Nestlé, Novartis etc. bleiben einfach unhinterfragt, wo doch diese Unternehmen gerade die unmittelbaren Akteure der globalen Umweltvernutzung sind. Auch die ‘politischen Rahmenbedingungen’, unter denen diese Unternehmen überhaupt so wirtschaften können, halten die Initiant*innen für nicht kritisierbar. Dafür sind sie wiederum zu sehr Freunde des globalen Kapitalismus. Mit „dem Menschen“ als Weltvernichter ist für Ecopop alles wichtige kritisiert, auch wenn „die Menschen“ vom Niger-Delta vielleicht nicht „die Menschen“ vom Ölkonzern Shell damit beauftragt haben, bei ihnen Öl zu fördern und den Niger zu verpesten.

*Alle Zitate auf: www.ecopop.ch/de/argumente-de

Anstatt sich schliesslich an der Wahlurne mit der Frage rumzuschlagen, ob Ecopop einen guten Ansatz verfolgt oder doch nur neo-kolonialistisch und rassistisch ist, empfehlen wir eher ein paar grundsätzliche Gedanken:


I. Der Grundfehler der Öko-Bewegungen: „Mensch“ vs. „Natur“

Die verschwenderische Ressourcenwirtschaft, Regenwaldvernichtung, gequälte Tiere, vergiftete Flüsse und verpestete Luft – all das lässt kaum eine/n mehr kalt. Der eigene gesundheitliche Schaden oder auch das Mitleid mit Mensch und Tier, die von der globalen Umweltzerstörung betroffen sind, verlangen jedoch unbedingt eine richtige Kritik und Gegenwehr gegen die wirklichen Gründe und Verursacher, ansonsten verharrt man womöglich in seinem Pessimismus, dass die Menschheit sowieso getrieben ist, die Umwelt zu zerstören, während die eigentlichen Akteure von „Umweltkatastrophen“ weiterhin die Mutter Erde „ausbeuten“ und als natürliche Lebensbedingungen zerstören. Also daher mal ein Argumente-Check:

Historisch einmaliges Bevölkerungswachstum belastet die Erde.“ So lautet die Kritik und Anklage von Ecopop stellvertretend für viele Öko-Bewegungen. Mit „Bevölkerung“ ist dabei weder ein Ameisenvolk noch die meisten anderen Lebewesen gemeint. Die naturphilosophische Sichtweise der Ökologie trennt die Erdbewohner künstlich auf in solche, die quasi zur Natur, zur Erde gehören und solche, die mit ihrem Leben auf der Erde vor allem Unruhe stiften: Die Gattung „Mensch“ – und hier allein in seiner Existenz und Anzahl – unterscheidet sich angeblich grundsätzlich von dem Rest der Natur und steht sogar im Gegensatz zu ihr: „Der hohe Bevölkerungsdruck … drängt die Natur an den Rand.“ Nur was unterscheidet den Menschen von anderen Gattungen, wenn man von allem absieht, was der Mensch als Fischer*in, als Arbeitslose/r, als Warenkonsument*in, als Naturschützer*in, als Unternehmensvorstand, als Handelsminister*in so macht? Rein als Gattung gebraucht, vernutzt, „zerstört“ der Mensch genauso die Natur, wie alle anderen Lebewesen, die ebenso Teil der Natur sind. Ein Fuchs im Kaninchenbau oder eine Eiszeit können ihre „Umwelt“ auch ganz schön durcheinanderbringen.

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Eine Raubkatze stört das ökologische Gleichgewicht

So wenig die Gattung Mensch den Zweck hat, die Natur einfach zu „zerstören“, so wenig hat die Natur überhaupt einen Zweck – geschweige denn das Gebot, erhalten zu bleiben, so wie sie gerade ist, bzw. in einem „natürlichen Gleichgewicht“ zu stehen. Wie gesagt, die Natur mit ihrer Fauna und Flora schliesst Zustände sowohl der „Co-Existenz“ als auch der gegenseitigen Vernichtung seit je her mit ein. Dass es viele Naturprozesse gibt, die durch Zerstörung und Neuentwicklung von Leben immer wieder auch einen Zustand der wechselseitigen Abhängigkeit schafft, ist kein Beleg dafür, dass die Natur auch den Zweck oder die Verhaltensregel hätte, quasi „friedlich“ und möglichst „diversifiziert“ erhalten zu bleiben. Welcher „natürliche“ Zustand soll das auch sein? Der vor ein paar Millionen Jahren? Der nach der letzten Eiszeit? Oder der Zustand bevor der Mensch Ackerbau betrieben hat? Das, was damals mit einem Urknall angefangen hat, kann von sich aus genauso gut wieder verschwinden. Und wenn ein Komet oder eine Gattung es bewirkt, dass die Erde in 200 Jahren nicht mehr existiert, dann juckt das die Natur wohl am wenigsten. Denn selbst keine Erde ist auch Natur.

Die Ökologie erfindet also ein Friedensgesetz der Natur; wie ein „Schöpfungs-“Glaube vielleicht nur ohne göttlichen „Schöpfer“. Wer damit seine Mitmenschen an ein „ökologisches Bewusstsein“ oder an ihre angebliche „Verantwortung gegenüber der Natur“ erinnern will, der liegt ganz schön daneben, weil man sich gar nicht genauer mit den Gründen und Zwecken der Menschen auseinandersetzt, nämlich wie und wozu irgendwo die Umwelt benutzt wird. Immerhin ist die Natur ja schon bis in den Molekularbereich erforscht, und ihre Gesetze werden für alles Mögliche gebraucht. Der Gebrauch und Verbrauch von Natur durch die Arbeit ist sowieso die Grundlage eines jeden Produktionsprozesses. Und weil die natürlichen Lebensbedingungen eben notwendig für das menschliche Wohlergehen sind – und dazu gehört auch die Schönheit der Natur, an der man sich erfreuen will -, wäre es ganz schön bescheuert, ausgerechnet mit der Produktion von Lebensmitteln gerade die natürliche Grundlage jeglicher Lebensqualität der Menschen zu zerstören. Diesen Widerspruch mit einer systematischen Zerstörungskraft leistet sich wirklich nur der Kapitalismus.


II. Die „Umwelt“ im Kapitalismus: Geschäft vs. natürliche Lebensbedingungen

Wäre die Wirtschaft einfach für die Produktion von Konsumgütern zuständig, dann wäre die Lebensqualität der Arbeitnehmer*innen und Konsument*innen genauso ein Ziel der Produktion wie der Erhalt der Lebensgrundlage Natur: Ob als natürliche Produktionsvoraussetzung, als lebenswerte Umwelt, oder als liebenswerte Flora und Fauna. Gewisse Interessenabwägungen zwischen Benutzung und Erhalt der Umwelt blieben auch dann nicht aus. Aber im Kapitalismus müssen die angeblichen Nutzniesser wie die restliche Natur vor der Produktionsweise richtig gehend geschützt werden: Der Gesetzgeber muss der hauseigenen Ökonomie einen Arbeitsschutz, Verbraucherschutz, Umweltschutz, Tierschutz etc. aufzwingen, um wenigstens eine absolute Vergiftung und Zerstörung von Mensch, Natur und der ganzen Welt durch die kapitalistische Produktion zu verhindern.

Die staatliche Umweltpolitik kennt seit je her den verrückten Gegensatz zwischen Umwelt und den „wirtschaftlichen Interessen“. Auch der aktuelle Vorsatz des Schweizer Bundesrates einer „Grünen Wirtschaft“ versucht, „… Rahmenbedingungen zu schaffen, die sowohl umwelt- als auch wirtschaftspolitischen Interessen dienen.“ (Bundesamt für Umwelt, BAFU) Aber worin bestehen denn die „wirtschaftspolitischen Interessen“ der Schweiz, wenn sie mit dem Erhalt von Mensch und Umwelt so schwer vereinbar sind?

Für die Wirtschaft steht fest: „Aufgabe der Unternehmen sei und bleibe es, Profite zu optimieren. Sind die Rahmenbedingungen richtig gesetzt, könnten sie dies tun, ohne der Umwelt und der Gesellschaft zu schaden.“ (N. Beglinger, Cleantech) Selbstverständlich ist der Zweck der Wirtschaft nicht die Menschheit mit einer natur-freundlichen Lebensqualität zu versorgen, sondern den Profit zu steigern. Und dieser Zweck kann durchaus „der Umwelt und der Gesellschaft“ erheblichen Schaden zu fügen, weil jede Rücksichtnahme auf Mensch und Umwelt Kosten verursacht, die den Profit schmälern. Ausgenommen sind betriebsinterne Massnahmen, die den Profit erhöhen – beispielsweise ein kostensparender Energieverbrauch. Ansonsten bedeutet jede freiwillige Rücksicht auf Mensch und Natur, die Kosten verursacht, immer auch ein Nachteil gegenüber der Konkurrenz am Markt.1 Eine „ressourceneffizientere Wirtschaft“ – das Kernstück der aktuellen Revision des Umweltschutzgesetzes (USG) – akzeptieren die Unternehmensverbände daher auch nur, wenn sie damit ihre Betriebskosten senken können; was sie ja sowieso schon machen. Auch die „Lebenszeit von Produkten“ will man ihnen in Zukunft vorschreiben, weil die Betriebe anscheinend möglichst kurzlebige und irreparabele Waren herstellen, um dann möglichst viele von diesen Wegwerf-Produkten verkaufen zu können. Allein dafür werden jede Menge Ressourcen verschwendet, mit denen sich aber jede Menge Profit machen lässt.2

Schweizerhalle: Sandoz spart am Brandschutz

Die Umweltpolitik hat wiederum viel Verständnis für die Profitinteressen der Wirtschaft: „Wenn die Schweiz Massnahmen hin zu einer Grünen Wirtschaft frühzeitig an die Hand nimmt, kann sie als Innovations- und Wissensstandort mit ihrer leistungsfähigen Exportindustrie ihre Position im Bereich der Umwelttechnologien deutlich stärken und sich einen Vorsprung verschaffen.“ (BAFU) Bloss den Menschen und ihre Umwelt vor den schlimmsten Schäden durch die kapitalistische Produktionsweise in Schutz zu nehmen („Überfischung, Abholzung der Regenwälder, Klimaerwärmung, …“), das will die Politik auch nicht. Der staatlich verordnete Umweltschutz muss insgesamt Mehr-Profit abwerfen, weil auch die Politik durch Steuern und Kredit vom Wirtschaftswachstum profitiert. D.h. Umgekehrt: Wenn die „grüne Wirtschaft“ nicht in ein „grünes Wirtschaftswachstum“ umschlägt, dann wird der Umweltschutz zu teuer. Deswegen wird die USG-Revision bereits in der Vernehmlassung verworfen mit der Begründung: „… man wolle der Wirtschaft keine weiteren Hürden auferlegen“ (NZZ, 17.09.)

Der Umweltschutz ist also auch für die Standortpolitik ein Abzug vom volkswirtschaftlichen Geldgewinn, und damit eine Kostenfrage.3 Deswegen sind z. B. Emissionen im Sinne des USG „… so weit zu begrenzen, als dies technisch und betrieblich möglich und wirtschaftlich tragbar ist.“ (USG, Art. 11) Selbst wenn also ein schonender Umgang mit Mensch und Natur technisch möglich ist, muss er sich in der Marktwirtschaft daran messen lassen, ob er für die Profitinteressen „tragbar“ ist. Dieser systemeigene Gegensatz von Umweltverträglichkeit und Profit ist daher immer eine politische Abwägung zwischen Wachstum und dem Erhalt seiner natürlichen wie menschlichen Voraussetzungen. Dementsprechend bestimmt die Umweltpolitik Grenzwerte aller Art, mit denen die Wirtschaft noch gut wächst, aber das Volk und Land nicht zu sehr verseucht wird. Eine ganze Branche – die Atomindustrie – wird aus dem USG herausgehalten und im Atomenergiegesetz extra geregelt, weil sie die ‘normalen’ Grenzwerte für den Strahlenschutz gar nicht erst einhalten kann. Mit “Umweltverträglichkeitsprüfungen” wird die Umweltverschmutzung politisch verhandelbar gemacht; und mit marktkonformen “Strafbestimmungen” sogar bezahlbar gemacht: Schon für 20’000 Fr. kann man gegen das Umweltschutzgesetz verstossen (vgl. USG, Art. 61). Für viele Unternehmen geht dies einfach als Kosten in die Betriebsrechnung mit ein.

International gesehen, muss der nationale Umweltschutz ebenso eine „leistungsfähige Exportindustrie“ mit „Vorsprung“ gewährleisten. Auch die Schweiz produziert demnach gegen alle anderen. Eine gemeinsame Ressourcenplanung ist da schon gar nicht möglich. Der globale Kapitalismus kann überhaupt nicht schonend mit der Welt umgehen. Das masslose Geldwachstum aller Kapitalstandorte verlangt einen ‘schonungslosen Raubbau’ an der Natur. Für den Konkurrenzvorteil im Kampf um Profite und Absatzmärkte werden nationale Umweltstandards sogar teilweise abgebaut. Insgesamt sehen alle Staaten zwar die Welt und damit die globalen Wachstumsvoraussetzungen z. B. durch die Klimaverschmutzung untergehen, wegen ihrer Standortkonkurrenz können sie sich aber trotzdem seit 20 Jahren nicht darauf einigen, auf wessen Kosten das Klima gerettet werden soll. Alle Staaten sind sich wiederum darin einig, dass das globale Kapitalwachstum unbedingt weiter gehen muss. Gegen diese Internationale der Kapitalverwertung kommt der Endverbraucher mit ein paar Sparglühbirnen, Mülltrennung u.ä. sowieso kaum an.

Beispiel Energiemarkt: Der Preis bestimmt das Geschäft und macht damit das Klima kaputt
Die Internationale Energieagentur (IEA) warnt vor einer für das Klima fatalen Trendwende: Die Nachfrage nach billiger und dreckiger Kohle hat stark zugenom­men und droht die Fortschritte dank den erneuerbaren Energieträgern zunichte­zumachen.“ Der Grund: In den USA wird immer mehr Gas als Energieträger durch die gefährliche Fracking-Technik gewonnen, so dass die amerikanische Kohle nicht mehr konkurrenzfähig ist. Durch die internationale Wachstumskrise fiel der Kohlepreis auf dem Weltmarkt dann so sehr, dass europäische Energieunternehmen kostengünstig amerikanische Kohle importieren können. Eine gute Nachricht für das Geschäft, eine schlechte für die Umwelt: Die Kohle aus Indiana und Illinois ist „die dreckigste Kohle des Landes. Ihr Schwefelgehalt ist bis zu dreimal höher als in der Kohle, die aus Russland nach Europa ausgeführt wird.“ Für den Profit lohnt es sich aber, die amerikanische Dreckskohle mit Containerschiffen nach Europa zu fahren, und auf die viel sauberer und nähere Kohle aus Russland zu verzichten. So „erzielen deutsche Werke mit US-Kohle eine Profit von über 14 Euro pro Megawatt Strom“ und bauen neue Kohlekraftwerke oder nutzen einfach die alten: „Besonders kritisch ist laut Energieagentur, dass 60 Prozent aller Kraftwerke … nicht auf dem neuesten technologischen Stand sind.“ „Völlig zur Farce gemacht wird damit die ‘Energiewende’ in Europa.“ Die „viel zu grosszügigen CO2- und Schwefelquoten“ (Greenpeace) der EU fördern da bei ganz systemgerecht die Konkurrenzfähigkeit des europäischen Kapitalstandorts mit einer zuverlässigen, unersättlichen und vor allem billigen Energiezufuhr. Alternative Energieformen mögen da noch so ökologisch sinnvoll und schon lange technisch möglich sein, aber als kapitalistischer Kostenfaktor sind sie zur Zeit einfach total unvernünftig. (alle Zitate aus: Tagesanzeiger, 13.05.2014)

„Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen allen Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.“
(K. Marx, Das Kapital, Bd. 1, S. 529f.)

1 Zum Beispiel das „Trittbrettfahrer-Problem“ wenn das Recycling der Freiwilligkeit der Unternehmen überlassen wird: „Gerade die Migros kennt aber auch die Kehrseite dieser Freiwilligkeit, das Trittbrettfahrer-Problem: Stichwort vorgezogene Recyclinggebühr auf Geräten.Die Migros und weitere Detailhändler führten freiwillig ein solches System ein, das verteuerte ihre Produkte. Aber nicht alle machten mit. Die Folgen waren ärgerlich: Erstens konnte die Konkurrenz, die sich nicht am System beteiligte, ihre Geräte günstiger anbieten. Und zweitens landeten in den Sammelstellen der Migros auch die Geräte der Konkurrenz.“ (B. Oberle, BAFU)

2 Diese gemeingefährlichen Marktgesetze, bei denen nicht eine möglichst umweltfreundliche sondern eine möglichst profitable Produktion am erfolgreichsten ist, gelten übrigens auch für die Bio-Branche – deswegen brechen auch hier die „Bio-Skandale“ nicht ab.Umgekehrt kann heute fast jedes Unternehmen irgendwie mit „bio“, „fair-triade“ etc. angeben, so dass man sich schon fragen muss, wer die ganzen „Umweltkatastrophen“ und „Lebensmittelskandale“ dann überhaupt noch verursacht. Das gesunde Misstrauen der Verbraucher*innen gegen alle Qualitätsversprechen der Unternehmen für ihre Produkte spricht für sich; die endlose Suche nach dem glaubwürdigen Qualitätsprodukt ebenso: Jede/r weiss damit, dass die Lebensmittelproduktion insgesamt zu den Verbraucherbedürfnissen, der Umwelt und auch zu den Angestellten in der Branche einen gegensätzlichen Zweck verfolgt.

3 Der Bundesrat lehnte daher auch das Ziel der Grünen Initiative, einen Schweizer “Fussabdruck von einer Erde bis 2050”, mit der Begründung ab: „Die volkswirtschaftlichen Kosten der Umsetzung der Initiative (wären) unverhältnismässig hoch.“


III. Von der Ökologie total vernachlässigt: Der ‘Raubbau’ an der Lohnarbeiter-Natur

Der Kapitalismus zerstört systematisch die natürlichen Lebensgrundlagen der Weltbevölkerung – was schon für sich keine feine Dienstleistung an den Leuten ist, die in ihm leben. Die Ökologie macht daraus einen Appell an „den Menschen“, dass er gegen die Natur verstossen würde. Nach Ecopop sollten sich deshalb Einige mit weniger Verbrauch und mehr Kondomen in Bescheidenheit üben. Dass aber vor allem auch die Menschen selber oft gesundheitlich ruiniert werden, die einer Arbeit nachgehen – daraus macht die Ökologie keinen grossen Skandal. Der Mensch ist irgendwie selber schuld… Dabei ist es schon bemerkenswert, dass ausgerechnet die Arbeitnehmer*innen vor der Wirtschaftsweise in Schutz genommen werden müssen, von der sie angeblich so viel haben sollen. Da soll im Kapitalismus alles Mögliche für das menschliche Wohlergehen produziert werden, aber gerade die Gesundheit der Arbeiter*innen wird durch „Berufskrankheiten“ u.ä. recht achtlos vernutzt. Denn die wirkliche Rolle des ‘Humankapitals’ ist die möglichst extensive und intensive Ablieferung von Arbeit für den Betriebsgewinn. Der Gesetzgeber weiss genau, dass dem Unternehmen dabei die Gesundheit der Arbeiter*innen scheiss egal ist – ausser der Arbeitsschutz ist profitabel. Schon nur die Kenntnisnahme der betriebsbedingten Gesundheitsschäden muss er den Betrieben vorschreiben: „Der Arbeitgeber ist verpflichtet, sich für jeden einzelnen Fall die notwendigen Kenntnisse anzueignen“ (ArG, Art. 2, bzgl. Gesundheitsschutz)

So kommt es dann auch, dass Gesundheitsschäden durch die Intensität und Anstrengungam kapitalistischen Arbeitsplatz zur Volkskrankheit werden. In dem ‘Teilzeitland’ Schweiz sollen mittlerweile 300.000 Beschäftigte an dem Burnout-Syndrom leiden, „das auf die Situation am Arbeitsplatz zurückzuführen ist“ (NZZ, 18.10.) Auch wenn das absurd erscheint, wo die moderne Arbeitsproduktivität immer mehr Arbeit überflüssig macht. Der Grund liegt in der Betriebskalkulation der Unternehmen: “Der Druck steigt, und die Pausen nehmen ab. Seit Jahren findet eine Verdichtung der Arbeit statt.” Im Kapitalismus gilt nämlich: Wenn die Arbeit produktiver wird, dann gibt es nicht mehr Freizeit für alle, sondern dann lohnt es sich vom Standpunkt des Profits, die rentable Arbeit noch intensiver anzuwenden. Daher weist die Unternehmensseite den Dichtestress am Arbeitsplatz als «Wohlfühl-Hysterie» (J. Zellweger, Arbeitgeberverband) zurück.

Darüber hinaus werden viele Arbeitnehmer*innen in einem kapitalistischen Betrieb mehr oder weniger vergiftet oderkörperlich verschlissen. Zum Beispiel: „Die Maler- und Gipser/innen verrichten täglich eine Knochenjob. Die Arbeit ist hart, viele leiden an Rückenschmerzen und Gelenkproblemen; wegen des Termindrucks herrscht oft Stress. Laut Angaben der Verbands-Pensionskasse ist jede und jeder zehnte versicherte Beschäftigte invalid, bei den über 55-Jährigen sind es gar 40 Prozent.“ (UNIA)

Auch der Staat geht davon aus, dass die Gesundheitsschäden der Angestellten für die Firmengewinne notwendig sind. Nur soll das Volk in seiner Funktion als nützliches Arbeiterheer nicht zu sehr darunter leiden, und weiterhin bei der Arbeit abliefern können, was von ihm verlangt wird. Immerhin kann das auch zu störenden Kosten für die gesamte Volkswirtschaft führen; und das Volk soll auch weiterhin staatstragende Aufgaben erfüllen können: Kinder kriegen, Wehrdienst etc. Demnach wägt das Arbeitsrecht in dem Gegensatz von Betriebsgewinn und Arbeitnehmergesundheit ab: „Der Arbeitgeber ist verpflichtet, zum Schutze der Gesundheit der Arbeitnehmer alle Massnahmen zu treffen, die nach der Erfahrung notwendig, nach dem Stand der Technik anwendbar und den Verhältnissen des Betriebes angemessen sind.“ (ArG, Art. 6) Die Technik mag entwickelt sein; „anwendbar“ und „verhältnismässig“ ist sie nur, wenn die Kosten dafür den Unternehmensgewinn nicht zu sehr belasten.

Im Sinne dieser Abwägung erlässt der Staat u.a. Vorschriften zu „Maximalen Arbeitsplatzkonzentrationen“ (MAK-Werte) für Giftstoffe. Damit wird festgelegt, in welcher Konzentration ein Betrieb seine Arbeiter vergiften darf. Was für den Einzelnen schädlich ist, spielt dabei keine Rolle. Weil der arbeitende Volkskörper nur im Durchschnitt geschützt werden soll, reichen statistische Durchschnittswerte, die die Arbeitsmedizin ermittelt: „Die MAK-Werte sind keine sicheren Grenzen zwischen gefährlichen und ungefährlichen Bereichen. … Besonders empfindliche oder in ihrer Gesundheit beeinträchtigte Personen können auch durch tiefere Konzentrationen gefährdet werden. … Die unterschiedliche Empfindlichkeit und Belastung des arbeitenden Menschen, z.B. im Zusammenhang mit Alter, Geschlecht, Konstitution, Ernährungszustand, Klima, physischer und psychischer Arbeitsbelastung, wurde bei der Festlegung der MAK-Werte nur nach Möglichkeit berücksichtigt.“ (Th. Läubli, ETH Zürich)Wer unter das statistische Mittel fällt, der gilt als unterdurchschnittlich beanspruchbar und muss selber schauen, wo er bleibt.

Auch unterhalb der MAK-Werte wird nicht einfach gesund gearbeitet. Die Gewerkschaften z. B. handeln ganz marktkonform Preise aus, mit denen die Arbeitgeber ihren Angestellten den Extraverbrauch ihrer Gesundheit abkaufen können: Staubzulagen, Schmutzzulagen, Nachtzulagen, Höhenzulagen etc. werden dann auf den Normallohn aufgeschlagen (vgl. div. GAVs). Dadurch wird man am Arbeitsplatz zwar nicht schonender behandelt, aber man kann sich für eine Staublunge oder einen Dachsturz immerhin einen LCD-Fernseher kaufen.

Ja dann mal gute Besserung!


IV. Die falsche Armutsanalyse von Ecopop: Mit Kondomen zu Wohlstand

Die „Ecopop“ Initiative will nicht nur die Bevölkerungsanzahl in der Schweiz reduzieren, sondern möchte weltweit auf die Geburtenrate Einfluss nehmen. Dazu möchte das Initiativkomitee, dass „der Bund (…) mindestens 10 Prozent seiner in die internationale Entwicklungszusammenarbeit fliessenden Mittel in Massnahmen zur Förderung der freiwilligen Familienplanung [investiert].“1 Der Gedanke der Initiative: In armen Weltregionen müssen von Armut betroffene Kinder oft arbeiten, durch die Kinderarbeit wird ihnen die Möglichkeit genommen sich zu bilden, damit fehlt ihnen Wissen über Empfängnisverhütung, durch diese Unwissenheit zeugen die Armutsbetroffenen überdurchschnittlich viele Kinder, die allesamt auch arm sind, arbeiten müssen und wiederum Bildungslücken in der Empfängnisverhütung aufweisen.2

Erstens ist diese ‘Armutsspirale‘ in sich verkehrt: Denn bloss durch Verhütung entflieht niemand der Armut. Natürlich müssen kinderlose Paare oder alleinstehende Personen keine Nahrungsmittel, Kleider, Wohnraum etc… für Kinder aufbringen, nur bedeutet das in keiner Weise dass sie dadurch ihrer materiellen Not entfliehen. Denn ob man Arbeit und Lohn hat und was letzterer zum Leben taugt, ist unabhängig vom Nachwuchs, dafür total abhängig vom kapitalistischen Weltgeschäft. Da muss es sich für ein Unternehmen schon lohnen, in diesem Gebiet ein Geschäft anzuleiern und Arbeitsplätze zu schaffen. Und diese Arbeitsplätze müssen sich für das Unternehmen rentieren, machen sie das nämlich nicht, bekommt auch niemand einen Rappen Lohn zu Gesicht. Überdurchschnittlich viele „Menschen in Entwicklungsländern“ haben also nicht aufgrund ihrer Geburtenrate kein Geld um Nahrung zu kaufen, sondern weil sie nicht fürs Geschäft von Unternehmen gebraucht werden. In diesen Weltregionen findet weniger profitables Geschäft statt, das Geld wird also in anderen Weltregionen erfolgversprechender eingesetzt. Vielmehr gilt der Nachwuchs für Armutsbetroffene oft als ihr Mittel, um über die Runden zu kommen. Kinder sollen schon früh etwas zum Familieneinkommen beitragen und bedeuten auch gleich die Altersvorsorge.

dritte Welt

Zweitens beschäftigt sich das Initiativkomitee überhaupt nicht damit, warum Armut in der modernen Welt immer noch allgegenwärtig ist, obwohl sie ständig mit den Sorgen der Armen argumentieren. Für das Initiativkomitee wird Armut dann zum Problem, wenn die Armen eine Last für ‘die Welt‘ werden. Den wirklichen Grund für die Armut reichen wir gerne nach:

Die Knappheit an Gütern aller Art – Essen, Wohnungen, medizinische Versorgung, etc… –, an welcher Menschen in Armut (und viele andere ‘Wohlhabende‘) leiden, ist nicht wegen einer ‘natürlichen Knappheit’ vorhanden, im Gegenteil: Die Güter sind oftmals bereits produziert, oder könnten problemlos produziert werden. So verhungern täglich zehntausende Menschen bei einer gleichzeitig existierenden Nahrungsmittelüberproduktion, Menschen leiden an Obdachlosigkeit während Geisterdörfer und –städte in Spanien oder der USA entstehen. Krankheiten wie Malaria oder HIV hätten längst behandelt werden können, denn dagegen gibt es Medikamente. Nein, nicht weil es nicht genug gibt, oder geben könnte, wird gestorben und verzichtet, sondern weil die Betroffenen vom vorhandenen Reichtum ausgeschlossen werden – durch das Privateigentum und nicht durch eine ‘natürliche’ Knappheit.

Das Recht auf Privateigentum schliesst die Armutsbetroffenen jedoch nicht nur von den vorhandenen Nahrungsmitteln, Wohnungen, Medizin und weiterem aus, sondern auch von Produktionsmitteln, der Grundlage, lebensnotwendige Güter selbst zu produzieren. Sie werden auch von der Möglichkeit ausgeschlossen, selber welche Anzubauen: Grund und Boden (Acker), Setzlinge oder Saatgut, Hilfsmittel und Werkzeuge, etc. sind Privateigentum eines anderen. Damit können sich die Menschen auch nicht selbstständig aus ihrer misslichen Lage befreien und die Dinge ihres Bedarfs herstellen. So fahren modernste chinesische Mähmaschinen z.B. in Nigeria vorbei an hungernden Leuten.

Es zeigt sich: Das Privateigentum und nicht das Gebären von Kindern, ist Ursache der heutigen Armut. Dabei hätten nicht nur diejenigen Menschen, die an dieser unmittelbaren Existenz bedrohender Armut zu leiden haben, ein Interesse an der Überwindung des Privateigentums. Die grosse Mehrheit der Menschen weltweit, die kein Eigentum an Produktionsmitteln haben, sind gezwungen, das einzige zu verkaufen, was ihnen dauerhaft Geld einbringen kann: Ihre Arbeitskraft. Weil die – wie bereits erwähnt – nur gekauft wird, wenn sich nach den Berechnungen des Unternehmen ein Gewinn einstellt, stehen massenhaft Leute ohne Einkommen da – überdurchschnittlich viele in den sogenannten „Entwicklungsländern“. Die Grundlage der Armut, die Eigentumslosigkeit an Produktionsmitteln, verschwindet auch für diejenigen Lohnabhängigen nicht, die ein Einkommen haben. Nicht nur, dass jeder Arbeitnehmer jederzeit arbeitslos werden könnte. Sie sind auch noch ein Leben lang darauf angewiesen ’von der Hand in den Mund’ zu leben, monatlich zu neuem Einkommen zu kommen, bis sie in der Pensionierung vom (staatlich erzwungenen) Erspartem zehren können.

1 Aus dem Initiativtext: http://www.ecopop.ch/de/initiativtext-de
2 Video: „Was will die Ecopop-Initiative?“ des Ecopop Initiativekomitees (Minute 3:29 – 4:18): https://www.youtube.com/watch?v=1A9YDjy35ww&feature=em-upload_owner#action=share